Aus für Ausreden

Die Tänzerin

Wenn sie auf Feiern gefragt wird, wieso sie nicht tanzt, sagt sie: „Ich hätt gern andere Musik.“ Es kracht Bum – Bum – Bum, und sie will Cha – Cha – Cha. Es spielt Cha – Cha – Cha, und sie will Wub – Wub – Wub. Es dröhnt Wub – Wub – Wub, und sie will Unz – Unz – Unz. Es hämmert Unz – Unz – Unz, und sie will Bum – Bum – Bum.

Die Sünderin

Als sie von ihren religiösen Eltern gefragt wird, wer Elise ist, sagt sie: „Wir sind nur befreundet“. Sie schlafen im selben Bett und sind nur befreundet. Sie halten Händchen und sind nur befreundet. Sie ziehen zusammen in eine Wohnung in die Stadt und sind nur befreundet. Sie erwarten eine Tochter und sind nur befreundet.

Die Lehrerin

Wenn sie ihre Schüler fragt, wieso sie ihre Hausaufgaben nicht gemacht haben, hört sie: „Ich kann das erklären!“ Gabriel hat sie nicht mit, weil seine Mutter nicht damit fertig geworden ist. Safi konnte sie nicht machen, weil ihr Hamster einen Hustenanfall hatte. Caro ist nicht dazu gekommen, weil ihre Katze auf dem Buch schlief und man schlafende Katzen nicht weckt. Raman hatte keine Zeit, weil er die Zahnpasta mit Schokoladengeschmack erfinden musste.

Die Zeitlose

Als sie von Kolleginnen gefragt wird, wieso sie keine Pause macht, sagt sie: „Ich hab keine Zeit.“ Ihre Eltern kommen auf Besuch in die Stadt, doch sie hat keine Zeit. Ihre Partnerin reserviert einen Tisch, doch sie hat keine Zeit. Ihre Tochter will spielen, doch sie hat keine Zeit. Ihr Tag verfließt wie Stunden im Schlaf, denn sie hat keine Zeit.

Die Selbstverschuldete

Wenn ein Mann ihre Grenzen überschreitet, hört sie: „Du willst es doch.“ Seine Augen feuern Blicke wie Patronen, denn ihr Rock ist verlockend. Sein Mund wirft Worte wie Bomben, denn ihr Schweigen ist Zustimmung. Er versucht sie zu erobern, denn sie wehrt sich zu sanft. Er zückt ein Messer, denn sie wehrt sich zu wild. Manche stehen ihr zur Seite, manche haben Angst um sich selbst. Manche reden sich raus.

Die Resignierte

Als sie auf der Rolltreppe hört, wie ihr Zug einfährt, denkt sie: „Es zahlt sich nicht mehr aus, zu laufen“. In der Station bleibt sie stehen, denn es geht sich nicht aus. Vor ihr steht schnaufend der Zug, doch es macht keinen Sinn. Ein Mann mit verschwitzten Haaren hält die Hand in die Tür, doch es hat keinen Zweck. Es ist heiß wie im Treibhaus, und für den Ausweg in kühleres Klima ist es zu spät. Gleich ertönt das Signal und schließen die Türen, gleich fährt der Zug ab, hinaus aus der Hitze ins saftige Grün, und lässt sie zurück im brennenden Weiß –

Ein Sturm schreit durch die Straßen der Stadt: Aus für Ausreden! Und all die Ausreden wehen davon wie Tageszeitungen von gestern.

Endlich beginnt sie zu laufen.

1 Kommentar zu „Aus für Ausreden“

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