Die Schwäne und die Menschen

Die Schwanenmutter kletterte an das schneebedeckte Seeufer und schüttelte sich das Wasser aus den Federn. Schnatternd schwammen ihre fünf Jungen an Land und schlossen zu ihr auf. Seit der Schwanenvater gestorben war, musste sie allein auf die immer hungrigen, verspielten Kinder aufpassen. Die Mutter prüfte, ob sie vollzählig waren: Langfeder, Braunauge, Spitzkralle, Flatterflügel und Stupsschnabel. Dann watschelte sie voran und führte die Kinder zurück nach Hause.

Der Weg von dem See zu ihrem Heimathügel war nicht weit. Am Fuße des Hügels hatten die Mutter und der Vater damals aus Ästen ein Nest für sich und ihren Nachwuchs gebaut. Jenseits des Hügels ragte eine Reihe schwarzer Säulen in den Himmel und trennte die Schwanenwelt von der Menschenwelt. Der Vater hatte einst genug von dem Gras und den Insekten aus dem See gehabt und war zu den Säulen gewatschelt, um bei den Menschen um Futter zu betteln. Die Menschen hatten ihre Hände durch die Säulen gestreckt und ihm leckere Krümel gegeben. Eine Zeit lang legte der Vater jeden Tag die Krümel der gütigen Menschen ins Nest, wodurch die Kinder gar nicht mehr im See nach Nahrung suchen mussten. Doch eines Tages schwoll sein Magen zu einer Kugel an, sodass er nicht mehr watscheln konnte. Am nächsten Morgen, als die Mutter ihn wecken wollte, öffneten sich seine Augen nicht mehr.

Auf halbem Weg zum Nest wurde die Schwanenmutter von Flatterflügel überholt, der flatternd auf sie einschnatterte. Die Mutter drehte sich um und sah, worauf Flatterflügel sie hinweisen wollte: der kleine Stupsschnabel war weit zurückgefallen und watschelte ganz alleine durch den Schnee. In der Schneelandschaft war sein Schnabel ein orangefarbener Klecks. Als Stupsschnabel plötzlich kopfvoran in den Schnee fiel, verschwand der Farbklecks, sodass nur noch Weiß zu sehen war. Die Mutter schrie nach ihm, doch er stand nicht mehr auf. Da sie nicht mehr so gut sehen konnte wie früher, half ihr Braunauge bei der Suche. Nachdem er Stupsschnabel im Schnee gefunden hatte, schrie und stieß die Mutter ihn an, bis er sich wieder aufrichtete und weiterwatschelte. Dabei fiel ihr auf, dass sein Bauch zu einer flauschigen Kugel angeschwollen war, wie es damals bei seinem Vater passiert war.

Den restlichen Tag konnte Stupsschnabel nicht mehr aufstehen und saß zitternd im Nest. Die anderen Kinder saßen um ihn herum versammelt und schnatterten ihm gelegentlich zu, ohne eine Antwort zu bekommen. Die Mutter lenkte sich ab, indem sie das Nest putzte und die Federn ihrer Kinder säuberte. Noch vor Sonnenuntergang schloss Stupsschnabel die Augen und schlief ein. Er träumte von heute Morgen, als er sich hungrig aus dem Nest geschlichen hatte, während die Mutter es mit grünen Tannen geschmückt hatte. Wie sein Vater war er über den Hügel bis zu den schwarzen Säulen gewatschelt, um bei den Menschen zu betteln. Er hatte eine der Säulen mit dem Schnabel angestupst und geschnattert, so laut er konnte.

Gleich darauf kamen zwei Menschen und streckten ihre Hände zwischen den Säulen hindurch. Stupsschnabel schnatterte noch lauter, bis sie ihm endlich die leckeren Krümel zuwarfen, nach denen er sich gesehnt hatte. Gierig verschlang er sie und schnatterte den gütigen Menschen noch einmal hoffnungsvoll zu. Doch auf einmal erschien ein dritter, weiblicher Mensch hinter den Säulen. Sie hatte lange, rote Federn am Kopf und war etwas kleiner als die anderen beiden. Mit schriller Stimme schrie sie die gütigen Menschen an. Zum Glück hörten die beiden jedoch nicht auf, Stupsschnabel Krümel zuzuwerfen. Sie ließen es erst bleiben, als der rotgefiederte weibliche Mensch ihnen die Krümel aus den Händen schlug. Stupsschnabel wollte wenigstens noch die Reste essen, die vor ihm im Schnee lagen. Aber auch das ließ die Rotgefiederte in ihrer Boshaftigkeit nicht zu. Sie streckte einen Arm zwischen den Säulen hindurch und schlug nach Stupsschnabel, sodass er vor Todesangst davonwatschelte.

Am nächsten Morgen öffnete die Schwanenmutter noch vor Sonnenaufgang die Augen und sah sich in dem Nest um. Die Kinder schnatterten bereits aufgeregt; nur Stupsschnabel hatte die Augen noch geschlossen. Die Mutter watschelte ganz nahe an ihn heran und stieß sanft gegen seinen Kugelbauch. Da er sich nicht rührte, stieß sie ihn wieder und immer wieder an, noch öfter, als sie damals den Vater angestoßen hatte. Sie stieß ihn so lange an, bis die anderen Kinder mit dem Schnattern aufhörten und Stille in dem Nest einkehrte.

Da öffnete Stupsschnabel die Augen und stupste zurück.

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