Enkel und Enkelin

Pünktlich um sechs Uhr trat Hubert „Hubsi“ Tanner, ausgestattet mit Werkzeuggürtel, Gummihandschuhen und Heckenschere, aus seinem Haus. Mit gehobenem Kinn und geschlossenen Lidern sog er die nach nassem Rasen duftende Morgenkälte ein, seine vierundachtzig Jahre alten Lungen mit Lebenssinn füllend. Er war ein einsamer Künstler und die Leinwand sein Garten.

Auf dem Weg machte er Notizen, welche Hecken er an welchen Stellen noch zurechtschneiden musste – geistige, nicht schriftliche; sein Gedächtnis war nach wie vor zuverlässig. Die Grobarbeit mit der elektrischen Schere war vollbracht, bloß der Feinschliff fehlte noch, und einzelne Pflanzen wollten noch zu Kugeln und Kegeln geformt werden. Sobald er mit dem Heckenschneiden und dem Formschnitt fertig war, würde sein Garten wieder so barock sein wie sein Bart: gepflegt, symmetrisch, majestätisch.

Nach eineinhalb Stunden Arbeit klopfte sich Hubert die schmutzigen Hände ab und wollte zurück ins Haus gehen, um einen Tee zu machen. Plötzlich kam hinter einer Hecke ein Läufer in knallroter Kleidung hervorgeschnellt. Keuchend verlangsamte der Mann sein Tempo und machte an Huberts Wasserbassin Rast. Mit einer Hand stützte er sich gegen den Stein und schien die Fontänen zu bewundern. Allmählich verlangsamte sich sein Atem.

„Hallo? Das darf ja nicht wahr sein! Sie können hier nicht einfach so durchlaufen“, empörte sich Hubert.

Der Läufer entschuldigte sich und löste sich vom Rand des Bassins. Er habe nicht gewusst, dass Hubert hier arbeite.

„Wohnen tu ich hier!“, rief Hubert ihm nach. Als der Läufer verschwunden war, schüttelte er den Kopf und schnaubte „Trottel“ in seinen Bart. Nicht zum ersten Mal hatte sich ein Läufer in seinen Garten verirrt. Offenbar hatte er das Tor wieder einmal nicht richtig verriegelt, und das Grün seines Gartens war wohl anziehender als die Autoabgase auf der Straße. Anders konnte er sich die kuriose Begegnung nicht erklären.

Vor dem Haus saß Huberts Enkelin Elise auf der Holzbank, die Morgensonne genießend. Sie trug ihre blaue Lieblingsbluse, die er ihr zum Geburtstag geschenkt hatte. Wie sehr sie sich verändert hatte! „Guten Morgen“, grüßte er sie freudig, „schön, dich endlich einmal wieder zu sehen! Ich würd dich gern umarmen, aber wahrscheinlich ist das gerade keine gute Idee.“

Elise meinte, ihr sei Abstand lieber.

„Klar“, sagte er, einen Blick auf seine erdigen Handflächen werfend. „Bist du mit dem Fahrrad da?“

Ja, sagte sie. Warum?

„Du darfst es ruhig in den Garten stellen. Nicht, dass man‘s dir noch stiehlt, wenn’s den ganzen Tag auf der Straße steht.“

Sie grinste und meinte, Fahrräder seien im Garten doch immer verboten gewesen. Sie wolle keine Strafe zahlen.

„Also so heikel bin ich auch wieder nicht. Für Enkelkinder mach ich eine Ausnahme. Solange du nicht wieder meine Blumen überfährst.“

Dankend lehnte sie ab.

„Willst du auch einen Tee? Ich mach dir deine Lieblingssorte.“

Sie lachte laut auf. Nun verstehe sie, weshalb er eine Internetsensation geworden sei.

„Ich? Im Internetz?“ Seine Stirn runzelte sich.

Ja, wirklich, sagte sie und zückte ihr Handy. Ob sie ein Foto von ihm für Social Media machen dürfe, fragte sie.

„Natürlich“, willigte er ein und posierte mit der Heckenschere.

Hubert öffnete die Haustür und durchquerte die Eingangshalle. In der Küche wusch er sich die Hände und machte einen Kräutertee.

Was hatte Elise bloß gemeint? Er konnte keine Sensation im Internetz sein; das Internetz existierte nicht mehr. Er selbst hatte es gelöscht – natürlich aus Versehen. Vor zwei Wochen war er mit der Maus abgerutscht und hatte die Verknüpfung von seinem Desktop ausgerechnet in den Papierkorb verschoben. Sofort hatte er den Stecker aus dem Computer gerissen. Hoffentlich würde niemand auf den Täter kommen! Wie würde seine Enkelin wohl reagieren, wenn sie von der Polizei erfuhr, dass ihr eigener Großvater das Internetz gelöscht hatte?

Für junge Menschen wie Elise war das Internetz mittlerweile so lebensnotwendig wie Wasser für seine Pflanzen. Darum hatte man es offenbar schnell wiederaufgebaut. Anders konnte er sich ihre kuriose Bemerkung nicht erklären.

Mit der Teetasse in der Hand ging Hubert wieder hinaus in seinen Garten. Elise saß nicht mehr auf der Bank; sie stand am anderen Ende des Blumenparterres vor Huberts selbstgemeißelter Sphinx-Statue. Telefonierte sie etwa? In die Ferne sah er nicht mehr so gut wie früher; in seinem Sichtfeld war Elise ein blaues Pünktchen, klein wie ein Insekt.

In der Zwischenzeit war Huberts Enkel Gabriel mit seiner Freundin Lea und dem kleinen Tom im Kinderwagen erschienen. Gerade eben spazierten sie durch den Garten und näherten sich Hubert. Gabriel trug seinen roten Lieblingspullover, den er ihm zum Geburtstag geschenkt hatte.

„Gabriel“, freute sich Hubert, „das ist aber eine nette Überraschung! Deine Schwester hat mir gar nicht gesagt, dass ihr auch auf Besuch kommt!“

Gabriels Augen weiteten sich. Er drehte sich um, offenbar, um nach Elise zu sehen.

„Na, wie geht’s uns heut?“, gluckste Hubert und streckte die Hand in den Kinderwagen. Schreiend zog Lea den Wagen zurück. He, rief Gabriel und stellte sich zwischen Hubert und den Wagen. Er solle bitte Abstand halten!

„Keine Sorge, meine Hände sind frisch gewaschen“, beteuerte Hubert, „ich mach gerade Pause.“

Pause, wiederholte sein Enkel fragend.

„Es fehlen nur noch ein paar Hecken, dann ist mein Garten ganz hochoffiziell der schönste in der Stadt“, meinte Hubert mit stolzem Lächeln. „Zur Feier könnten wir am Nachmittag Musik im Haus aufdrehen und tanzen. Ich werd euch paar Schritte zeigen, da werdet’s blöd schauen, was euer alter Opa noch für eine Figur machen kann!“

In dem Moment kam erneut ein Läufer hinter einer Hecke hervorgeschnellt – nein, diesmal war es eine ganze Gruppe aus Läuferinnen und Läufern.

„Raus aus meinem Garten!“, brüllte Hubert Kräutertee spuckend; schon waren sie in die Flucht geschlagen. Wie hatte er nur vergessen können, das verdammte Tor zu verriegeln? Dem nächsten Läufer würde er die Tasse auf den Schädel schmeißen! Der kleine Tom begann zu weinen, und Lea fragte Gabriel, ob sie nicht gehen könnten.

Sofort, Schatz, sagte Gabriel und wandte sich wieder zu Hubert. Der Garten gehöre nicht ihm, sondern allen.

Unfassbar! Da hatte er seinem Enkel ein geisteswissenschaftliches Studium an der Universität Wien ermöglicht, und das war der Dank dafür? Der guterzogene Kerl war als hirngewaschener Kommunist zurückgekommen! Anders konnte er sich seine kuriose Haltung nicht erklären.

„Mein Privatgrund gehört mir, nicht der Öffentlichkeit!“

„Das ist nicht Ihr Privatgrund“, sagte Gabriel.

„Wie bitte?“

„Naja, wir sind hier im Schlossgarten vom Belvedere. Wer sind Sie? Ist alles in Ordnung?“

Die junge Frau mit der blauen Bluse, die soeben ein Selfie mit einer der Sphinx-Statuen im mittleren Parterre geschossen hatte, hörte entfernte Schreie vom Unteren Belvedere. Sie und einige andere Besucherinnen und Besucher des Schlossgartens drehten ihre Köpfe. In der Ferne sah sie eine Gruppe aus Laufenden, ein Paar mit Kinderwagen und einen wild gestikulierenden Hubsi. Mit ihrem Handy in der Hand eilte sie zurück zum Schloss, auf dessen Dächer das Morgenrot herabstrahlte.

„Elise“, rief Hubsi, als er die Frau erblickte, „kannst du mir erklären, was dein Bruder da redet?“ Die Falten in seiner Stirn hatten sich zu Schluchten vertieft, bis an deren Grund kein Licht und kein Echo dieser Welt drangen.

Fragend sah sie den Mann mit dem roten Pullover an. „Der Herr ist offenbar verwirrt“, sagte er zu ihr. „Er glaubt, dass das hier sein Garten ist und dass ich sein Enkel bin und Gabriel heiße. Was meinen Sie, soll ich die Rettung rufen?“

Drei Sekunden verstrichen. Dann lachte die Frau laut auf. „Ach, Opa! Ich glaub, du hast dich heute überarbeitet. Gabriel macht ja nur einen Witz!“

Hubsis Blick sprang hin und her zwischen dem Mann und der Frau, zwischen Enkel und Enkelin, zwischen rotem Pullover und blauer Bluse. Er sprang so lange hin und her, bis er irgendwo zwischen den beiden in der Luft hängenblieb:

Rot, Blau, Rot, Blau, Rot, Blau – Violett?

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